Städtische Gewässer haben eine stille Präsenz. Sie sind Verkehrswege Hafenbecken, Entwässerungssysteme oder Kulisse, die das Stadtbild schmückt. In der Logik der Stadtplanung erscheinen sie meist als funktionales oder ästhetisches Element, selten jedoch als sozialer Freiraum. Während Plätze und Parks selbstverständlich als Orte des öffentlichen Lebens gelten, bleibt das Wasser im Bewusstsein städtischer Gesellschaften ein Raum ohne Alltagspraxis: sichtbar, aber kaum zugänglich. 


Mit dem Amt für flüssigen Freiraum untersuchen wir urbane Wasserräume als gesellschaftliche Orte. Am Beispiel des Kieler Hörnbeckens erforschen wir ihr Potenzial für eine erweiterte Vorstellung von Öffentlichkeit. Können Wasserflächen zu räumlichen und symbolischen Brücken werden? 
Das Amt für flüssigen Freiraum begreift Wasser nicht nur als ökologische Ressource, sondern als kulturelle und gesellschaftliche Infrastruktur. In Zeiten wachsender Verdichtung, zunehmender Privatisierung und fortschreitenden Klimawandels zeigt sich, wie notwendig es ist, urbane Wasserflächen neu zu denken: als Räume, die nicht trennen, sondern verbinden; die nicht exklusiv, sondern gemeinwohlorientiert wirken; die nicht nur Kulisse, sondern Teil eines lebendigen, sozialen Stadtkörpers sind. 
In Formaten der partizipativen Raumforschung und urbanen Praxis haben wir das Hörnbecken für einige Wochen zum Experimentierfeld gemacht: installative Aktionen thematisieren die urbanen Dualismen wie Gemeinwohl und Privatisierung, Verbindung und Trennung der Stadt oder Mensch und Natur, die den Ort prägen. Eine schwimmende Plattform diente uns dabei als Fortbewegungsmittel, Kommunkationseinheit und Toolbox, das Austausch und Sichtbarkeit ermöglicht. 
Aus der "Amtslogik" heraus geht es um eine fundierte Untersuchung der Hürden und Potenziale des Ortes: Welche rechtlichen, sozialen oder infrastrukturellen Logiken verhindern, dass das Hörnbecken zu einem inklusive Freiraum werden kann? Welche Denkweisen müssen überwunden werden, um die Wasserfläche selbst als sozialen, verbindenden Raum zwischen Kieler Ost- und Westufer zu öffnen, in einer Stadt, deren Topografie von Trennung geprägt ist?
In einem künstlerisch-forschenden Erkundungseinsatz wurde der subaquatische Lebensraum der Kieler Hörn untersucht. Im Alltag kaum wahrnehmbar und zugleich vielschichtig, wurde der Raum unter der Wasseroberfläche mithilfe von Periskopen und einem Lauschrohr visuell und akustisch zugänglich gemacht. Die ortsspezifischen "Fördeatlanten" dienten der Bestimmung und räumlichen Verortung der beobachteten Lebensformen und führten einzelne Wahrnehmungen zu einer experimentellen Bestandsaufnahme mariner Flora und Fauna zusammen.
Das ortsspezifische Spiel „Hörn Utopoly“ eröffnete den gemeinsamen Denkraum und ersetzte die monologische Erzählung über den Ort. Als spielerisches Werkzeug angelegt, brachte es Fragen nach Privatisierung , Zugänglichkeit und gemeinschaftlicher Nutzung des Stadtraums ins Gespräch. Ideen wurden nicht abstrakt verhandelt, sondern spielerisch erfahren.
Die Gedanken und Vorschläge, aber auch Träume der Teilnehmenden sowie von Passant*innen wurden anschließend auf ein Segel geschrieben, als sichtbare Spur des Austauschs.
In einem offenen Bauprozess haben wir zuvor formulierte Ideen in bauliche Mikrointervention am Wasser überführt. Der markante Höhenunterschied zwischen Kai und Förde, im Stadtraum alltäglich präsent und zugleich trennend wirksam, wurde durch eine Baumel-Planke an der hohen Kaimauer sowie eine ergänzende Ausstiegs- und Sitzstufe an der niedrigen Kante erweitert. Beide Elemente eröffneten alternative Bewegung- und Aufenthaltsqualitäten und haben den Übergang zum Wasser erreichbar und damit erfahrbar gemacht.

Die Konstruktionen wurden situativ vor Ort angepasst und im gemeinsamen Bauprozess ausgearbeitet. So verdichten sich die in vorausgegangenen Treffen gesammelten Wünsche zu konkreten Eingriffen im Stadtraum, als Mikrointerventionen, die neue Zugänge ermöglichen und eine freizeitliche Aneignung des Uferbereichs erproben.
Im Rahmen einer Uferinventur wurden das Ufer so nah wie möglich am Wasser abgeschritten und videografische dokumentiert. So wurden bauliche Bedingungen entlang der Kieler Förder erfasst und in verschiedene Karten übertragen. Dabei hat sich gezeigt, das weite Teile im Innenstadtbereich durch gewerbliche, militärische oder private Nutzung unzugänglich sind. 
Das Hörnbecken hat sich für das Projekt als besonders relevanter Untersuchungsraum herausgestellt: Es weist ungenutzte Bereiche, Potenziale für alternative Zugänge und eine enorme ökologische Belastung auf, wodurch es ideal für experimentelle  Interventionen und partizipative Erkundungen geeignet ist. Gleichzeitig manifestiert es topografische die Trennung und Verbindung von Ost- und Westufer, da sich die Ufer hier so nah kommen wie an sonst keiner anderen Stelle und weist somit eine hohe sozialräumliche Relevanz auf.

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